Das hält. Versprochen. Sagt Jesus.
Alexander Brandl geht der Frage nach, wo Kirche heute trägt – zwischen Alltag, Brüchen und der Sehnsucht nach echter Nähe und Gemeinschaft
Als ich nach dem Studium nicht wusste, was ich werden soll, wurde ich Beauty-Berater. Ich hatte Lehramt studiert, aber früh gemerkt, dass die Schule nicht mein Biotop ist. Wenig überraschend war die Fächerkombi Deutsch und Reli in der Wirtschaft nicht gerade ein Karriere-Sprungbrett. Ich bin dort gelandet, wo viele Geisteswissenschaftler:innen meiner Generation unterkamen: unterbezahlt in PR und Werbung.
2012 gibt es keinen Mindestlohn, dafür Kicker und Obstkörbe im Büro. In der Beauty-Abteilung einer PR-Agentur verdiene ich meine ersten Brötchen. Wir unterhalten uns sogar in den Pausen über Concealer und Blondierungen. Meine Kolleg:innen und ich brennen für Magazine und das bisschen Möchtegern-Jetset, das der Job uns bietet. Viele brennen aus. Werden verheizt. Ich springe ab, finde einen Job in einem Konzern. Jahre später, nach vielen Gesprächen, Gebeten und Zeiten der Stille, nehme ich das kirchliche Examen in Angriff. Ich will Pfarrer werden. Und werde es. Wann immer ich von dieser Entwicklung erzähle, leuchten bei den Menschen in meinem heutigen Umfeld die Augen. Wow, du hast es geschafft! Subtext: Du bist jetzt einer von uns. Fast alle sehen in dieser Geschichte eine Geschichte des Aufstiegs. Warum eigentlich? Weil ich jetzt Alt-Hebräisch kann? Weil ich A13 verdiene? Weil ich eine vermeintliche Hochglanz-Scheinwelt hinter mir gelassen habe und das hier jetzt echter, tiefer ist?
Im Wohnzimmer des Protestantismus
Bei den Kaffeepausen in der Agentur habe ich Seelsorgegespräche geführt. Nicht ich war Seelsorger. Meine Kolleginnen waren es. Sie haben mich aufgebaut, wenn ein Projekt nicht gut lief. Sie haben mich in den Arm genommen und mir Raum zur Entfaltung gegeben. Auf dem Balkon vor unserem Büro ging es um alles. Seitensprünge, Botox, stille Geburten, Gott, Nagellack, wo kommen wir her und wo gehen wir hin. Manchmal all das in fünf Minuten.
Jesus sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“ Alle. Er sagt: alle. Dass die Gesellschaft in Teilsysteme gegliedert ist, in Filterblasen – geschenkt. Mag sein, dass wir Zeug:innen einer nie dagewesenen Individualisierung sind, vom Ende der großen Erzählungen. Aber haben wir wirklich alles, alles, alles versucht, dem Evangelium in seiner Schönheit und Größe Geltung zu verschaffen? Auf analogen und digitalen Kanzeln kommen Menschen wie meine Beauty-Girls selten als Zielgruppe, noch seltener als Predigende, sondern meist als Abziehbild vor. Als Negativfolie. Leider habe ich auch schon so arrogant gepredigt. Dort Facelift, hier Jesus (nur eloquenter formuliert). Es ist billig. Und es geht so schnell, dass man sich einrichtet in seinem Protestantismus-Wohnzimmer. „Nah bei den Menschen“ – und oft genug unendlich weit weg.
Das goldene Gewebe spinnen
Hält das noch? Bei dieser Frage kann man an die verfasste Kirche mit ihren Strukturdebatten, ihren Lagern, Lobbygruppen und Gremien denken. Mir kommt eher dieses goldene Gewebe in den Sinn. Die unsichtbaren Verbindungslinien aus Sehnsüchten, Glaube, Vertrauen, Gott und Geist und Jesus Christus. Manche nennen es die unsichtbare Kirche. Hält DAS noch? Die Beauty-Branche ist nur ein Beispiel. Gerade renoviere ich ein Haus auf dem Land. Ich habe viel mit Handwerker:innen zu tun. Und wieder klafft es so krass auseinander. Die Lebensthemen, die Sprache, die Bedürfnisse. Ein paar von ihnen sind evangelisch. Was das für sie heißt – evangelisch sein – sie können es mir nicht sagen.
Hält das noch? Manchmal wünsche ich mir insgeheim, dass manches nicht mehr hält. Dass da eine Laufmasche entsteht und immer größer wird. Dass da etwas einreißt und aufreißt. Wer will, dass etwas hält, muss fragen: Wozu? Kann sein, dass ich ungerecht bin in diesem Text. Und ein bisschen selbstgerecht. Aber ich liebe die Kirche als große, verbindende Volkskirche einfach so sehr. Rückbau, Sparen. Sicher alles richtig und notwendig jetzt. Trotzdem. Vielleicht können wir gerade in dieser Zeit der Abschiede ein paar neue Begegnungen wagen. Das goldene Gewebe weiterspinnen. Das hält. Versprochen. Sagt Jesus.

Alexander Brandl
Rundfunkpfarrer und
Theologisch-Pädagogischer Vorstand des Geistlichen Zentrums Schwanberg
(Instagram: @alpha.oh.mega)
Der Beitrag ist in der zett [Zeitung für evangelische Jugendarbeit in Bayern] erschienen. Mehr Informationen unter www.zett.ejb.de
Foto oben: iStock-1273305154 imaginima/K. Pelzner
Foto unten im Text: Johanna Degenstein