Das rettende Ufer

Gedanken zur Jahreslosung

Es klingelt. Wer kann das sein? Es ist Heilig Abend und wir Kinder sind gerade dabei, unsere Geschenke auszupacken. Meine Mutter geht zur Tür. Ich höre, wie sie freundlich mit jemanden spricht und dann in der Küche verschwindet. Nach ein paar Minuten geht sie wieder zur Tür. Ich spitze in den Vorraum und sehe, wie ein „Tippelbruder“, ein Landstreicher, dasitzt und sich die das kleine Festmahl meiner Mutter schmecken lässt. 20 Minuten später zieht er weiter.
Bis heute erinnere ich mich an diese Begebenheit aus meiner Kindheit und frage mich – ob er wusste, dass Weihnachten war? Heute denke ich wieder an ihn und das Wort der Jahreslosung:

 

Jesus spricht, wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Denn sie sollen satt werden.

 

Der Brief aus dem Briefkasten kommt vom Meer. Es ist ein Infobrief von dem Schiff „Sea-Watch“. In dem Schreiben sind Bilder von Menschen. Sie sitzen auf dem Deck und in ihren Augen sehe ich Erleichterung. Jemand hat sie nicht den unberechenbaren Wellen des Meeres überlassen. Es ist, als ob Jesus mit an Bord ist: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Denn sie sollen das rettende Ufer erreichen.

 

Die Basisbibel in meinem Regal ist noch recht neu. Ich schlage das Johannesevangelium auf, Kapitel 6. Ich lese von Jesus, der 5000 Hungernde satt macht. Danach bringt er verängstigte Fischer in ihrem Boot sicher ans Ufer des stürmischen Sees Genezareth. Und dann spricht er diesen Satz: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Jesus tut, was er sagt. Und seine Worte tun auch mir gut, denn ich weiß: Auch ich habe Hunger, auch ich brauche das rettende Ufer. Ich lese und komme ein wenig bei Jesus an. Und habe Lust, es ihm nachzumachen.

 

Foto: ejb

 

 

Tobias Fritsche
Landesjugendpfarrer

 

 

 

Foto oben: istock/james

 

Das Sonntagsblatt hat Landesbischof Bedford-Strohm zur Jahreslosung befragt: www.sonntagsblatt.de/jahreslosung-2022