LOSLASSEN – BLEIBEN ODER GEHEN?

Übergaben, die gelingen

Fünf Generationen der Landesjugendkammer im Gespräch (Langfassung)

Fünf ehemalige Vorsitzende und Stellvertretende der Landesjugendkammer der Evangelischen Jugend in Bayern erzählen, was ihnen das Loslassen leicht und schwer gemacht hat – und was Generationen einander schenken können.

 

Annika Zeuner  (Stellvertretende Vorsitzende)

Kati Vogelmann  (Vorsitzende von 2020–2023)

Uli Willmer  (Vorsitzender von 1989–1994)

Paula Tiggemann  (Vorsitzende von 2016–2020)

Roger Schmidt  (Vorsitzender von 1999–2000)

 

In deinem Engagement oder Berufsleben: Was war bisher das Schwerste, das du loslassen musstest? Und was hast du daraus gelernt?

Annika Zeuner: Über 15 Jahre war ich vielfältig engagiert in der ejb, meist waren die Übergänge zwischen den verschiedenen Aufgabenbereichen fließend, und es war nie schwer, loszulassen und neu zu beginnen. Richtig schwer fiel mir aber der Ausstieg aus der Jugendarbeit: mit 30 legte ich mein letztes ejb-Ehrenamt ab und war zu dem Zeitpunkt schwanger mit meinem ersten Kind. Das war schon seltsam, diese zwei Lebensabschnitte so aufeinanderprallen zu lassen… aber ich bin immer noch ehrenamtlich dabei, jetzt halt bei den Großen (im KV und bei der Kirche Kunterbunt).

Kati Vogelmann: Am schwersten fällt mir, die Menschen loszulassen, mit denen ich eng zusammengearbeitet habe. Klar bleibt zu manchen der Kontakt, mit einigen sogar tiefe Freundschaft. Aber die selbstverständlichen Begegnungen im gemeinsamen Tun hören auf, aus wichtigen Bezugspersonen werden eher seltene Begegnungen. Das tut weh und gehört doch dazu. Ich habe gelernt, dankbar und mit Freude auf diese Zeit zurückzublicken, ohne ihr ständig nachzutrauern.

Uli Willmer: Mir fiel jeder Abschied schwer – in mein Engagement hab ich ja viel hineingelegt, ich war ja ganz dabei. Dass es nicht nur mir schwer fiel, sondern anderen, dass ich in Zukunft etwas anderes mache, hat aber auch gezeigt, dass einiges doch gut gelaufen ist.

Zwei Beispiele: 1994 trat die bis jetzt gültige Ordnung der Evangelischen Jugend in Kraft. Ich war damals Vorsitzender der LJKa. Wir haben damals viele Ideen, viel Zeit, viel Auseinandersetzung in die Novellierung gesteckt. Schön, dass es uns gelungen ist sie so flexibel anzulegen, dass sie 32 Jahre gehalten hat und einen guten Rahmen bot für das Engagement in der EJ. Klar, jetzt ist sie wirklich in die Jahre gekommen und es ist an der Zeit für etwas Neues und die entscheidenden Schritte sind ja auch gegangen.

Der Abschied aus Coburg fiel mir schwer. Wir hatten im Stadtteil das Projekt „Soziale Stadt Wüstenahorn“ etabliert – zusammen mit vielen verschiedenen Akteuren und vor allem mit den Bewohner:innen als Subjekten ihres Stadtteils. Das fing richtig gut an zu laufen.

Ich habe daraus gelernt: Es geht weiter, andere machen weiter. Vieles gestalten sie mit neuen, frischen Ideen ganz anders, als ich das getan habe, und das ist richtig so, aber es geht weiter! Es hängt eben nicht an einer einzelnen Person.

Paula Tiggemann: Aus der Jugendarbeit auszusteigen war natürlich kein einfacher Schritt. Wenn man jahrelang so viele Stunden und Herzblut in dieses Engagement gesteckt hat, dann bleibt da erstmal eine große Lücke. Das ist immer auch ein Stück Trauerarbeit, doch zum Glück gibt es auch nach der EJ so viele Möglichkeiten sich in und für unsere Gesellschaft zu engagieren.

Roger Schmidt: Der Abschied von unserem eigenen Tagungshaus und den Hauswirtschaftsmitarbeitenden in Josefstal. Schon in meiner Zeit als Kammervorsitzender war ich Mitglied im Kuratorium von Josefstal gewesen. Dieses Haus war über Jahrzehnte der Ort, an dem Jugendarbeit gelernt, gefeiert und weitergedacht wurde – für viele Menschen ein Stück Heimat, auch für mich. Zu erkennen, dass unsere Arbeit weitergehen kann, aber ohne dieses Haus, war ein langer und schmerzhafter Prozess. Gelernt habe ich: Was uns trägt, ist nicht das Gebäude, sondern das, was Menschen darin miteinander erlebt haben. Und das nehmen sie mit.

 

Wann gelingt aus deiner Sicht eine gute Übergabe? Was braucht es, damit Menschen gut gehen und andere gut übernehmen können?

Annika Zeuner: Für eine gute Übergabe braucht es Offenheit und Mut. Manchmal übernehmen Menschen mit anderen Eigenschaften den Aufgabenbereich und damit es gut wird, muss man die Neuen machen lassen. Gott zu vertrauen, dass er gut begleiten wird, hilft auch.

Kati Vogelmann: Gute Übergaben gelingen für mich, wenn man wirklich gemeinsam unterwegs war. Entscheidungen reifen dann im Miteinander. Große Freude macht es mir, Aufgaben bewusst abzugeben und andere daran wachsen zu sehen. Klare Kommunikation, gute Vorbereitung und ein tiefes Vertrauen in die, die weitermachen, lassen mich entspannt loslassen.

Uli Willmer: Loslassen heißt ja nicht vergessen, sondern vor allem: Andere einfach machen lassen. Ich fand es immer wichtig nicht erfahrungsgesättigt ungefragt reinzuquatschen und schlaue Tipps zu geben. Anders ist es, und das ist immer wieder schön, mal gefragt zu werden.

Was braucht es: Haltung: Ich bin hier nur auf Zeit, ich bin ersetzlich. Transparenz: Nur geteiltes Wissen ist kein Herrschaftswissen. Freisprüche: Du bist jetzt nicht mehr in der Funktion (das wurde mir gesagt), du hast sie jetzt. Hab guten Mut bei allen Dingen, die du tust! (das habe ich meinem Nachfolger gesagt)

Paula Tiggemann: Eine gute Übergabe gelingt meiner Meinung nach nur, wenn man frühzeitig damit beginnt loszulassen, andere Menschen einarbeitet, Stück für Stück Verantwortung abgibt und Raum für neues Engagement und neue Ideen lässt. Das kann nicht von heute auf morgen passieren und die gehende Person muss akzeptieren, dass die Folgenden vielleicht lieb gewonnene Dinge komplett anders machen möchten.

Roger Schmidt: Eine gute Übergabe braucht Zeit, Klarheit und Wertschätzung. Zeit, damit nicht alles auf den letzten Metern passiert. Klarheit darüber, was wirklich übergeben wird und was bewusst endet – nicht alles muss weitergeführt werden. Und Wertschätzung für das, was war: Wer gehen darf, ohne dass die eigene Arbeit kleingeredet wird, übergibt großzügiger. Umgekehrt brauchen die Nachfolgenden echten Gestaltungsraum und nicht nur ein Erbe, das sie verwalten sollen.

 

Was können Generationen voneinander lernen?

Kati Vogelmann: In der EJB habe ich erlebt, dass ähnliche Themen immer wiederkehren. Kostbar ist für mich das Zusammenspiel aus Erfahrung und der Energie, Diskussionen neu zu eröffnen. Generationen schenken sich gegenseitig Kraft und die Chance, Dinge aus anderen – manchmal überraschend neuen – Perspektiven zu sehen.

Uli Willmer: Ich habe gelernt, dass ich an vieles anknüpfen konnte, was andere vor mir gedacht und getan haben. Der Austausch über leitende Prinzipien, wie Partizipation, Solidarität, Freiwilligkeit hat mir immer geholfen. Gerade weil da immer wieder neue Antworten und Lösungen gefunden werden müssen. Wir Älteren können mit dem Blick zurück einiges an Hintergründen einbringen und die Jüngeren haben einen viel längeren Blick nach vorne. Das kann sich bereichern.

Und was wir Älteren dringend lernen müssen: Es ist gerade mit dem Blick auf den Klimawandel nicht egal, was wir hinterlassen. Wir haben da Verantwortung, gerade weil wir als Geburtenstarke so viele sind!

Paula Tiggemann: … dass es in den meisten Fällen die Mischung aus der frischen/jungen und der erfahrenen/älteren Perspektive braucht um gute Entscheidungen zu treffen. Wenn sich beide Seiten respektvoll zuhören, können sie durch den Perspektivwechsel viel voneinander lernen und zusammen an der Zukunft bauen.

Roger Schmidt: Die Älteren können von den Jüngeren lernen, dass Veränderung kein Verlust sein muss, sondern eine Form von Treue zur Sache. Die Jüngeren können von den Älteren lernen, dass tragfähige Arbeit Geduld braucht und dass es gute Gründe gibt, warum manches so geworden ist, wie es ist. Beides zusammen macht Jugendarbeit stark: Mut und Gedächtnis. Allerdings glaube ich – wir brauchen jetzt mehr Mut als Gedächtnis.

 

Viele erleben Veränderungen zunächst als Verlust. Wo entdeckst du Hoffnung und Chancen im Generationswechsel?

Annika Zeuner: Im Generationenwechsel steckt viel Potenzial zu Aufbruch, Neuausrichtung, Richtungswechsel. Das beflügelt und motiviert. Man kann ja Altes und Bewährtes auch beibehalten, aber eben manches anders und neu machen.

Kati Vogelmann: Ich habe Veränderungen selten als Verlust erlebt. Mich trägt die Freude an der Möglichkeit, Dinge neu zu gestalten. In mir überwiegt meist die Hoffnung, dass Wandel zum Guten gelingt, Räume öffnet und Menschen ermutigt, eigene Wege zu finden.

Uli Willmer: Veränderung finde ich als Begriff gut – Verlust ist mir zu wertend. Das geht mir zu sehr in die Richtung: Früher war alles besser.

Generationenwechsel heißt aber auch, dass andere Fragestellungen wichtiger werden. Vielfältig waren wir als Evangelische Jugend schon immer, aber dass wir so intensiv über Genderfragen, über Diversity, über Queerthemen nachdenken, da hab ich kräftige Nachhilfe von jungen Menschen gebraucht.

Paula Tiggemann: Ein Perspektivwechsel kann gerade auch in schwierigen oder festgefahrenen Situationen helfen um neue Lösungen zu finden. Junge Menschen haben oft noch viel mehr Mut Neues auszuprobieren und vielleicht scheitern sie damit auch mal oder sie kommen ganz woanders damit raus, aber auch das kann ja vielleicht spannend sein.

Roger Schmidt: Da, wo Menschen aufhören zu fragen „Wie retten wir das Bestehende?“ und anfangen zu fragen „Was brauchen junge Menschen heute von uns?“. Wir erleben das gerade selbst: Ohne eigenes Haus sind wir näher an den Orten, an denen Jugendarbeit tatsächlich passiert – digital, regional, in Kooperationen. Ausgesucht hätten wir uns das nicht. Aber es öffnet Türen.

 

Vervollständige den Satz: „Loslassen bedeutet für mich …“

Annika Zeuner: … leichter weiter machen zu können. Und es setzt Kraft, Zeit und Energie für Neues frei. Daran kann ich wachsen und weiterlernen.

Kati Vogelmann: … anderen den Weg freizumachen, damit sie ihre eigenen großartigen Erfahrungen sammeln können – und für mich persönlich die Vorfreude auf neue Türen, hinter denen Herausforderungen und Abenteuer auf mich warten.

Uli Willmer: …andere mit ihren Ideen, mit ihren Antworten, ihrer Kreativität einfach machen lassen. So kann Neues wachsen.

Paula Tiggemann: … Platz für Neues schaffen – sowohl für die nachkommende Generation als auch für mein Leben.

Roger Schmidt: … darauf zu vertrauen, dass das Wesentliche nicht in meinen Händen liegt.