mutig • wach • unbequem • hoffnungsvoll
Jugend bewegt Gesellschaft
Über den Sofas bei der Evangelischen Jugend München hängt ein altes, verrostetes Schild: „Atomwaffenfreie Zone“. Es beruhigt mich, dass meine neue Arbeitsstelle sicher ist. Das Schild hat die Patina von einer Evangelischen Jugend, die mutig ist, wach, unbequem – und hoffnungsvoll. Ist das Nostalgie oder Selbstverständnis?
In den letzten Jahren habe ich viele Jugendliche in meiner Kirchengemeinde nach ihrem Vertrauen in Weltpolitik und nach ihrer Hoffnung für die eigene Zukunft gefragt. Während der Pandemie waren die Antworten gedämpft. Auch heute sind sie es oft noch. Studien wie die Shell-Jugendstudie 2024 und die Reihe „Jugend in Deutschland 2024/25“ bestätigen diese Erfahrung. Aber sie zeigen auch einen anderen entscheidenden Zusammenhang: Beide Studien betonen, dass Erfahrungen von Selbstwirksamkeit – etwa durch gesellschaftliches Engagement – die Zuversicht deutlich stärken. Engagement und Hoffnung hängen eng zusammen: Wenn ich spüre, dass mein Handeln Wirkung zeigt, gewinne ich Vertrauen in die eigene Zukunft und in meine Umwelt, in die demokratische Gesellschaft.
Jugendliche engagieren sich für ihre Themen.
Sie suchen Räume, in denen sie spüren: Mein Handeln zählt. Diese Räume findet man in der evangelischen Jugendarbeit. Und ich glaube, dass das mit „Glaubenssätzen“ zu tun hat, im theologischen wie im psychologischen Sinn. Für mich ergeben sich diese Glaubenssätze aus meiner Glaubenshaltung: Du bist ein Kind Gottes wie wir alle. Du bist ein freier Christenmensch. Du bist nicht allein.
Evangelische Jugend empowert.
Der Begriff „Empowerment“ beschreibt genau das: Menschen finden ein Umfeld, das sie bestärkt, ihre Gaben zu entdecken und zu nutzen – selbstbewusst, frei und verantwortungsvoll. Das ist für mich der entscheidende Beitrag der evangelischen Jugend zu unserer Gesellschaft: Wir empowern. In Projektteams, auf Freizeiten, in Gremien, bei politischen Aktionen – bei der Evangelischen Jugend München zum Beispiel der CSD oder der jährliche Workshop-Tag zur Weißen Rose. Wenn sich junge Menschen für einen Freiwilligendienst entscheiden, werden sie von uns ein Jahr lang genau darin begleitet, in Zukunft sogar noch besser. Jugendliche erfahren hier Selbstwirksamkeit. Sie erfahren, dass ihre Stimme Wirkung zeigt. Und genau so bewahrheiten und verfestigen sich Glaubenssätze. Das macht Hoffnung.
Hoffnung wäschst aus einer Verheißung Gottes.
Die Theologie der Hoffnung behauptet, dass Hoffnung nicht aus dem Blick auf die Gegenwart erwächst, wie gedämpft das Vertrauen auch sein mag, sondern aus einer Verheißung Gottes. Hoffnung widerspricht der Wirklichkeit, so wie sie ist. Hoffnung setzt eine bessere Wirklichkeit daneben. Hoffnung wird rebellisch. Hoffnung verändert. Alternativen tun sich auf.
Aus Atombombenfreiheit ist Lovebombing geworden.
Wer in der „Atomwaffenfreien Zone“ aufgewachsen ist, wird vielleicht schwermütig zu dem verrosteten Schild aufblicken und sich an seinen vergangenen Glanz erinnern. War die Jugend nicht früher noch rebellischer? Hatte sie nicht damals noch Hoffnung und die richtigen Themen? Wer so denkt, ist wahrscheinlich zu lange in der Jugendarbeit gewesen. Aber es ist auch mehr als ein museales Schmuckstück. Es zeigt, welche Wirkung unsere Glaubenssätze entfalten können.
Unsere Aufgabe ist: Wir empowern, wir steuern nicht. Wir hören zu, statt von Früher zu erzählen. Wir begleiten, statt zu lenken. Wir wiederholen unsere Glaubenssätze und die erzählen von der Hoffnung auf die neue Generation, die ihre eigenen Spuren hinterlassen wird. Wie das aussieht, zeigen die Initiativen der EJB. Aus Atombombenfreiheit ist Lovebombing geworden. Das macht mir Hoffnung und das sichert mir die Stelle.
Philipp Bäumer
Dekanatsjugendpfarrer der Evang. Jugend München
Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4/2024 der zett [die Zeitung für evangelische Jugendarbeit in Bayern] erschienen.
Alle Ausgaben der zett stehen online zur Verfügung: zett.ejb.de
Foto oben: Jonas Huber