Sprache für Gott

Gottes Gerechtigkeit für alle Menschen: gleiche Würde, gleiche Möglichkeiten, gegenseitiger Respekt

 

Laut, streitsüchtig, machtbesessen und wenig feminin. Attribute, die vielen durch den Kopf gehen, wenn sie von einer Frau hören, die sagt: „Ich bin Feministin“. Was denkst du, wenn du das hörst? Gleichberechtigung, Emanzipation? Fallen dir starke Frauen ein, die für ihre Rechte kämpfen? Oder denkst du, Mädchen und Frauen sind doch gleichberechtig. Alle können alles?

 

Feminismus bedeutet im Kern etwas ziemlich Einfaches: Frauen und Männer, alle Menschen haben den gleichen Wert und die gleiche Würde. Und genau hier wird es spannend. Auch theologisch und aus der Perspektive des Glaubens, lässt sich das gut begründen.

 

Alle Menschen sind Ebenbild Gottes

In der Bibel steht im ersten Buch Mose, dass Gott den Menschen als Mann und Frau nach seinem Bild geschaffen hat (Genesis 1,27). Das bedeutet doch, dass beide, Mann und Frau, Gottes Würde in sich tragen. Keiner ist näher an Gott oder wichtiger als der andere. Und wenn alle Menschen Gottes Ebenbild sind, dann passt es nicht zu Gottes Idee, dass Frauen weniger wert sind und sie weniger Rechte und Stimme haben.

 

Warum hat aber Feminismus so ein negatives Image? Ich höre immer wieder von jungen Frauen: „Ich bin total für Gleichberechtigung, aber ich bin keine Emanze“. Vielfach wird das Wort Emanze und Feminismus gleichgesetzt. Mal ehrlich, wie oft, hast du schon gehört, dass ein Mädchen sagt, ich bin Feministin? Und wenn sie es sagt, in welche Ecke hast du sie gestellt? Viele denken bei Feminismus nicht an Gleichberechtigung, sondern meinen Frauen wollen über den Männern stehen oder lehnen Männer ab. Doch darum geht es nicht.

 

Gerechtigkeit, Würde und Liebe

 Es geht darum, dass Gottes Gerechtigkeit für alle Menschen gilt: gleiche Würde, gleiche Möglichkeiten, gegenseitiger Respekt. Der Kern des Evangeliums ist Gerechtigkeit, Würde und Liebe. Wenn Feminismus dafür einsteht, berührt er genau diese Werte.

 

Klingt doch ganz einfach. Doch leider ist auch unsere Kirche von einer männlichen Tradition geprägt. Erst seit 50 Jahren gibt es in der evangelischen Kirche in Bayern Pfarrerinnen und Religionspädagog:innen und vor 42 Jahren wurden in Bayern die ersten Diakoninnen eingesegnet (darunter ich). Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich Frauen damals für eine feministische Theologie stark gemacht haben und wahrscheinlich so manchem „Würdeträger“ auf die Füße gestiegen sind. Dabei ging es darum, gleichberechtig wie die männlichen Kollegen in der Kirche tätig zu sein.

 

Lange fehlte es an sichtbaren weiblichen Vorbildern in der Kirche (und auch in der Gesellschaft).

Über viele Jahrhunderte wurden Bibeltexte, Glaubenslehren und Kirchenstrukturen hauptsächlich von Männern geprägt. Prophetinnen, Priesterinnen und Zeuginnen des Glaubens, von denen die Bibel schreibt, spielten in den Auslegungen keine große Rolle.

Die erste Person, die laut Evangelien die Auferstehung Jesu verkündet, ist Maria Magdalena. Aber hat sie es geschafft zum Vorbild zu werden?

 

Für mich war Dorothee Sölle (1929 – 2003), eine feministische deutsche evangelische Theologin und Dichterin, ein Vorbild. Sie übte Kritik am „männlichen“ Gottesbild und forderte eine „Sprache über Gott“, die Frauen nicht ausschließt.

 

So wie wir heute über Gender Gap nachdenken, ist es wieder an der Zeit, über „Sprache für Gott“ nachzudenken. Traditionell wird Gott oft als „Vater“ beschrieben. In der Bibel gibt es aber auch mütterliche und weibliche Bilder für Gott, zum Beispiel die fürsorgliche Martha und die zuhörende Maria.

Oder Hildegard von Bingen, die uns viel über Naturheilkunde gelehrt hat. Und in noch jünger Vergangenheit: Else Müller, die 1974 als Ökumenereferentin im Amt für evang. Jugendarbeit für ihre langjährige Versöhnungsarbeit in der Kathedrale von Coventry in den Nagelkreuzorden aufgenommen wurde.

 

Glauben gerechter denken

Feminismus bedeutet Gerechtigkeit. Als Christ:innen ist es wichtig, Glauben mit Fragen der Gerechtigkeit zu verbinden. Als Konsequenz heißt das, gleiche Beteiligung von Frauen in Kirche und Gesellschaft, weibliche Erfahrungen im Glauben sichtbar machen und es braucht eine Theologie, die Machtstrukturen kritisch hinterfragt. Ich plädiere dafür, Glauben gerechter und vollständiger zu denken.

Ich will nicht sagen, dass es einfach ist, aber es lohnt sich!

 

Christina Frey-Scholz
ehem. Referentin für Öffentlichkeitsarbeit der Evang. Jugend in Bayern

 

Dieser Beitrag ist im Heft 2 des Magazins antenne der Evangelischen Jugend Nürnberg zum Thema „Feminismus“ erschienen.  antenne_Heft-2_2026_Web.pdf

 

Foto oben: iStock-182152605-Professor25