Spüren, was hält

Wie wir das Gefühl des Getrenntseins überwinden können.

 

Kooperation gilt unter Evolutionsbiolog:innen inzwischen als das dritte große Grundprinzip des Lebens. Diese Forscher:innen gehen davon aus, dass es eben nicht Stärke oder Anpassungsfähigkeit war, die den Menschen an die Spitze der Nahrungskette gebracht hat. Was der Mensch besser konnte als alle anderen, war Aufgaben gemeinsam anzugehen und als Stamm zusammenzuhalten.

 

Diese zentrale Rolle des Zusammenhalts für die Menschen zeigt sich auch in der jüdisch-christlichen Tradition. Die monotheistischen Religionen sind von Anfang an Beziehungsreligionen. Gott und Menschen stehen in einer Beziehung zueinander und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Nach der Sintflut schickt Gott den Regenbogen als Zeichen des Bundes mit den Menschen. Er verspricht: Ich halte zu euch und werde immer bei euch sein.

 

Im Neuen Testament erneuert Jesus dieses Versprechen beim letzten Abendmahl: Ein neuer Bund wird durch sein Blut geschlossen, Gott und Mensch bleiben untrennbar verbunden.

 

Jesu Wirken steht für Gemeinschaft

Auch davor drehte sich Jesu Wirken immer um Gemeinschaft. Ob Weinwunder, Speisung der 5000 oder das gemeinsame Unterwegs-Sein mit den Jünger:innen – Jesus wirkte immer mitten unter Menschen und für sie. So entstand um ihn herum ein solidarisches Miteinander. Man teilte alles und war gemeinsam auf dem Weg durch die Höhen und Tiefen des Lebens, in Freude genauso wie in Trauer.

 

Was damals in der Gemeinschaft der Gläubigen so selbstverständlich war, wirkt heute wie eine romantische Spinnerei. In unserer westlichen Welt des Turbokapitalismus geht es darum sich durchzusetzen, Recht zu haben, schöner, schneller, besser zu sein als andere. Politische Ansichten stehen sich unversöhnbar gegenüber. Gemeinschaft wird immer weniger erlebt, das Gefühl von Einsamkeit steigt. Echter Zusammenhalt finden wir höchstens noch in kleinen Gruppen Gleichgesinnter. Und so spüren viele immer mehr ein Gefühl der Trennung.

 

Wir spüren ein Gefühl der Trennung

Dieses Gefühl der Trennung finden wir auf drei Ebenen:

  1. Zuerst ist da die Trennung von uns selbst. Sie zeigt sich, wenn wir uns selbst nicht mehr spüren, wenn wir statt wirklich zu leben nur noch funktionieren. Um durchzuhalten, betäuben wir die leise Stimme der Sehnsucht in uns und geben unserer Seele keinen Raum.
  2. Die zweite Ebene ist die Trennung von anderen. Sie zeigt sich, wenn wir uns auch inmitten von Menschen alleine fühlen. Und irgendwann stellt sich die Frage: Welche Beziehungen tragen mich eigentlich noch?
  3. Und schließlich ist da die Trennung von Gott, von dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Das Leben funktioniert, vielleicht läuft sogar vieles gut. Aber der tiefere Sinn fehlt.

 

Allen drei Ebenen der Trennung liegt zugrunde, dass wir die Verbundenheit nicht mehr spüren können. Vielleicht reden wir uns dann ein, dass alles gar nicht so schlimm ist oder trösten uns mit schönen Gedanken. Aber erst das konkrete Spüren dessen, was wirklich da ist, bringt uns zurück in eine Verbindung, die hält.

 

Verbindung zu uns selbst

Für die Verbindung zu uns selbst führt der Weg über den Körper. Das kann zum Beispiel bedeuten, bewusst zu atmen, sich zu bewegen, sich selbst oder die Umgebung zu berühren oder die eigene Stimme in den Raum zu bringen. Dafür reicht eine Minute zwischendrin. Sie holt uns ins Hier und Jetzt – und lässt uns spüren, dass wir leben.

 

Verbindung zu anderen

Für die Verbindung zu anderen braucht es den Blick hinter Masken und Worte – auf den Menschen darunter, mit all seinen Gefühlen und Verletzlichkeiten.

Tiefer als unsere Meinungen liegen bei uns allen dieselben Hoffnungen, Wünsche, Ängste. Wenn wir einen Raum schaffen, in dem das da sein darf, können wir lernen, uns wieder mit anderen Augen zu sehen. Wir werden uns dann wahrscheinlich immer noch nicht recht geben. Aber genau darum geht es: Nicht den anderen von unserer Meinung zu überzeugen, sondern uns wieder in unserer Menschlichkeit wahrzunehmen.

 

Verbindung zu Gott

Die Verbundenheit zu Gott können wir nichts erzwingen. Alles, was wir tun können, ist, uns zu öffnen und Räume zu schaffen, in denen Begegnung möglich wird. Das kann in der Stille der Meditation geschehen, im Spüren des Körpers im Tanz oder Körpergebet, oder auch im bewussten Lesen der Bibel. Immer wenn wir uns wirklich dafür öffnen, in unserem Tun Gott zu begegnen, kann seine Gegenwart in uns durchklingen.

 

Angebote zur Naturspiritualität

In meinen Angeboten zur Naturspiritualität lade ich dazu ein, die Natur als einen solchen Resonanzraum zu erfahren. Dadurch wird sie zu mehr als bloße Kulisse für erholsame Spaziergänge. Ich kann in ihrem Spiegel mir selbst begegnen und spüren, dass ich Teil von etwas Größerem bin. Und in dieser Erfahrung stellt sich eine tiefe Gewissheit ein: Ich bin gehalten und getragen – ohne Wenn und Aber.

 

Martin Härtl
Referent #Jugendspiritualität #ejb
Naturspiritualität | Wirkstatt evangelisch
Spiritualität – Was wir machen – Evangelische Jugend in Bayern

 

Foto oben: pixabay/evgenit-milky-way-4500469