Vom T-Shirt zum Systemwandel

Echte Veränderung braucht Zeit

 

Miriam Nosper arbeitet als Nachhaltigkeitsmanagerin in der Modebranche. Im Gespräch erzählt sie Patrick Wolf, warum echte Veränderung Zeit braucht, weshalb sie ihre Kleidung flickt – und was ein Sport-BH mit Kreislaufwirtschaft zu tun hat.

 

Die Nähmaschine war schon immer da. Miriam Nosper kann sich nicht erinnern, wann sie das erste Mal genäht hat – nur dass Stoffe und Textilien zu ihrem Leben gehören, seit sie denken kann. Heute arbeitet die 40-Jährige als Nachhaltigkeitsmanagerin für einen internationalen Modehersteller. Mit einem Ingenieur-Background in Textil- und Bekleidungstechnik startete sie ihre Karriere. Über zehn Jahre arbeitete sie als Technikerin, entwickelte Produkte und Qualitätsanforderungen, begleitete Produktionsprozesse. Schon im Studium wurde ihr die schiere Masse bewusst: „Das, was bei mir im Laden um die Ecke ist, das ist halt für ganz, ganz viele Menschen bei denen wiederum im Laden um die Ecke – in ganz Deutschland, in ganz Europa, in der ganzen Welt.“

 

Flicken statt Wegwerfen

Heute lebt Nosper konsequent, was sie beruflich vertritt. Ihr neuestes Projekt? Ein Sport-BH aus zwei alten genäht. Aus einem Handtuch machte sie ein Fitnessstudio-Handtuch mit Schlüsseltasche. „Ich gucke ganz oft: Was habe ich im Schrank? Was ist schon ein bisschen löchrig? Könnte ich das nutzen, um was Neues zu machen, was gerade meinen Bedarf deckt?“ Und das sei wichtig, angesichts der Zahlen, die ernüchternd sind: Jede Europäerin verursacht etwa zwölf Kilogramm Textilabfall pro Jahr, nur ein Prozent wird recycelt. Die EU hat reagiert – Modehersteller müssen künftig für Recycling zahlen. Reicht das? „Es ist oft ein Tropfen auf einen heißen Stein“, gibt Nosper zu, korrigiert sich aber: „Ich würde es eher Regentropfen nennen, der im besten Fall irgendwann ein Fluss wird.“
Seit dreieinhalb Jahren arbeitet sie im Nachhaltigkeitsbereich und hat gelernt: Die Herausforderung liegt im Zusammenspiel aller Beteiligten – von der Baumwollfarm über Lieferanten bis zum Kunden.

 

Siegel und Recycling

GOTS, GRS, RWS – die Zertifizierungen prüfen fokusbezogene Nachhaltigkeitskriterien mit Nachweis von der Faser bis zum Endprodukt. Sind sie vertrauenswürdig? „Abseits von schwarzen Schafen ist es definitiv etwas, was eine verlässliche Indikation gibt, die auf Prüfung Dritter beruht“, sagt Nosper pragmatisch. Beim Recycling fehlt vor allem Infrastruktur: Maschinenparks, Know-how, Anreize. „Keiner entwickelt eine Recyclinganlage für hunderttausende Euro, weil er ein guter Mensch ist“, stellt sie nüchtern fest. Ihr Einkaufstipp daher: „Je weniger Materialmix, desto einfacher ist es, zu recyceln.“ Ein Baumwoll-T-Shirt ist besser als Materialmischungen. Und: großflächige Drucke erschweren das Recycling.

Wenn es um Materialinnovationen geht, wird Nosper zurückhaltend. Pilzleder klingt gut, muss jedoch auch in Punkto Langlebigkeit, Robustheit und Chemikali­eneinsatz überzeugen, um eine sinnvolle Alternative zu Leder zu sein. „Bisher gibt es noch nichts, wo mir jemand guten Gewissens sagen würde: Das macht Sinn.“ Stattdessen plädiert sie für optimierte Basics – selbst Leder, obwohl sie Vegetarierin ist: „Leder ist als Material irrsinnig toll. Das hält ewig, wenn man es pflegt. Und Produkte lange zu nutzen ist ein essenzieller Aspekt nachhaltigen Konsums.“

 

Hoffnung liegt in den Menschen

Was macht ihr Hoffnung? Die Menschen weltweit, die in der Lieferkette arbeiten und aus eigenem Antrieb Veränderungen anstoßen. „Es gibt überall Menschen, denen es wichtig ist und die in ihren Möglichkeiten das Beste geben, damit eine Veränderung passiert.“ Ihr größtes Learning in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn: „Schwarz-weiß gibt es einfach nicht. Es kommt immer auf die Rahmenbedingungen an.“ Und: „Das Produktionsland sagt nicht unbedingt was aus. Es gibt auch im asiatischen Raum Fabriken, die Top in Schuss sind.“ Wenn Nosper ihr Wollkleid mit Loch flickt und weiter trägt, ist das mehr als praktisch – es ist ein Statement für einen anderen Umgang mit Kleidung. Der Wandel braucht Zeit und die Bereitschaft aller. Manchmal beginnt er mit einem Sport-BH aus zwei alten.

 

Patrick Wolf
Referent #ejb #kommunikation

 

Miriam Nosper aus Rosenheim arbeitet als Nachhaltigkeitsmanagerin für einen internationalen Modehersteller. Sie hat Textil- und Bekleidungstechnik studiert und über zehn Jahre in der Produktion gearbeitet, bevor sie sich auf Nachhaltigkeit spezialisierte. Wenn sie nicht an nachhaltigen Lieferketten arbeitet, ist sie gerne in der Natur unterwegs.