Unsere Welt verändert sich und jede Generation wächst unter neuen Bedingungen auf.
Heutige Jugendliche gestalten ihre Freizeit anders als ihre Eltern und Großeltern. Es liegt nahe, dass das auch Konsequenzen für ihre Kontaktpunkte mit Fragen von Religiosität hat. Forschungen zeigen: Die traditionellen Instanzen bleiben bestehen, aber sie werden durch neue Angebote ergänzt.
Familie als Lernort des Glaubens ist immer noch entscheidend. Insbesondere, wenn beide Eltern der gleichen Konfession angehören, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch ihre Kinder später höhere Werte in verschiedenen Dimensionen von Religiosität aufweisen. Die 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt zudem, dass in der Wahrnehmung religiöser Erwachsener die Konfirmation als wichtigste sozialisatorische Instanz empfunden wird, gefolgt von der Mutter, dem Religionsunterricht, dem Vater und Jugendgruppen von Kirchen. Medien werden immerhin von knapp 20% aller Befragten und von 29% der 14- bis 29jährigen Evangelischen genannt. Man darf dabei davon ausgehen, dass Befragte den Einfluss von Medien eher unter- als überschätzen.
Die Bandbreite dessen, was an religiösem Content online zu finden ist, ist so breit wie die globale Vielfalt offline. Schaut man auf Instagram, TikTok oder YouTube, finden sich Content Creator:innen aus allen religiösen Strömungen, aber auch angrenzenden Feldern – etwa moderne Hexen oder coachende Sinnfluencer, die das eigene Leben zu optimieren versprechen. Einige erstellen religionsbezogenen Content als Teil ihrer Tätigkeit für eine religiöse Gemeinschaft, andere sind unabhängige Akteur:innen. Im Mittelpunkt stehen häufig Glaubensfragen, religiöse Praxis oder Fragen einer korrekten religiösen Lebensführung. Gerade für Plattformen wie TikTok und Instagram muss der Content dabei in ein durchdachtes Storytelling gegossen werden, um für Zuschauer:innen attraktiv zu sein.
Prägend für religiösen Content online ist aber auch, dass er Identitätsarbeit oft weniger entlang von Konfessionsgrenzen eröffnet, sondern sich mit gesellschaftspolitischen Standpunkten verwebt. Das virale Phänomen der „Tradwives“ etwa verbindet politisch konservative Standpunkte zur Rolle von Frauen in der Partnerschaft mit (häufig) evangelikalen Überzeugungen und ästhetisierenden Bildern von häuslicher Arbeit. Religiöse Sozialisation erfolgt auf solche Weise eher subtil und wird gleichzeitig eng mit politischen Standpunkten und/oder der Lebenswelt Jugendlicher verflochten.
Gerade in dieser Form dürften solche Social-Media-Inhalte auch dann, wenn traditionelle Kirchlichkeit abnimmt, für die religiöse Sozialisation relevant bleiben.
Prof. Dr. Anna Neumaier
Professorin für Religionswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum
Foto oben: pixabay-BiljaST
Portrait unten: Schwettmann, RUB
Die aktuelle zett. Zeitung für evangelische Jugendarbeit in Bayern, hat als Schwerpunkthema „Spiritualität und Glauben heute“. Der Beitrag von Prof. Dr. Anna Neumaier ist in der zett abgedruckt sowie weitere Beiträge zum Thema. zett 2-2025