Zwischen Zweifel und Zuversicht
Wie junge Menschen heute glauben
Leitartikel von Daniela-Marlin Jakobi, zett Juli 2025
Mit zitternden Händen sitze ich im Büro – mein Daumen schwebt dabei über dem „Teilen“-Button auf Instagram. Wochenlang habe ich mit mir gerungen, ob ich mit irgendjemandem teilen möchte, was ich in wenigen Momenten öffentlich auf Instagram teilen werde. Zu viel Angst hatte ich. Und das Bewusstsein, dass der Inhalt dieses Beitrags zurecht Angst in mir auslöste.
Denn in dem Beitrag spreche ich zum ersten Mal ehrlich über meine Glaubenszweifel. Es sind nicht die Art von Zweifel, die in meiner christlich-fundamentalistischen Bubble geduldet werden. Es geht weder um die Frage der Vorherbestimmung noch um die Frage des Kopftuchs. Nein, es sind leider fundamentale Zweifel:
„Gibt es die eine richtige Bibelauslegung? Ist die Schöpfungsgeschichte wörtlich zu verstehen? Ist Homosexualität tatsächlich eine Sünde? Ist unser Bibelverständnis Stückwerk, sodass wir zu unterschiedlichen Auslegungen kommen? Ist jedes Hinterfragen der Bibel auch ein Infragestellen Gottes? Ist Gottes Wort durch die Autoren und die damaligen Kontexte beeinflusst? Ist die Bibel leicht verständlich für jeden?“
Trotz meiner Angst tippe ich auf den „Teilen“-Button und warte auf die ersten Reaktionen, die schon bald eintrudeln. Von zustimmenden und mitfühlenden Worten über verwirrte Kommentare bis hin zu sehr besorgten und beinahe bedrängenden Nachrichten ist alles dabei. Erstaunlicherweise können viel mehr Menschen als erwartet meine Zweifel nachempfinden. Nur leider sind diese Menschen fast ausschließlich Internetbekanntschaften. Von den Personen aus meiner eigenen Freikirche kann sich so gut wie niemand mit meinen Zweifeln identifizieren. Denn die fundamentalistische Lehre und somit die Antworten auf meine Fragen sind meist unantastbar und klar.
Diese einfachen und dualistischen Antworten reichen mir schon lange nicht mehr. Seit mehreren Monaten brodeln Fragen und Zweifel in mir. Ich kann nicht länger ignorieren, dass meine bisherigen Antworten teils jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren oder gegen meine bisherige Wahrnehmung sprechen.
So zum Beispiel, dass Queerness angeboren ist und Menschen sich die eigene Sexualität nicht aussuchen bzw. hetero werden können. Oder dass queere und trans Menschen, die gesellschaftlich aber auch vor allem durch fundamentalistische Christ:innen Ablehnung und Diskriminierung erfahren, so sehr darunter leiden, dass sie ein fünfmal höheres Risiko für Suizidversuche haben.
Auch wenn ich Angst habe und weiß, dass meine Fragen und Zweifel in meiner fundamentalistischen Bubble verpönt sind, höre ich mutig auf mein Gewissen und hinterfrage meine gesamten bisherigen Glaubensüberzeugungen, um das Richtige zu tun.
Zeitsprung – 3,5 Jahre später.
Meine Fragen haben wenige Monate nach meinem ersten öffentlichen Post dazu geführt, dass ich in meiner ehemaligen Freikirche geistlich missbraucht wurde, um mich und meine Zweifel zum Schweigen zu bringen. Ich sage „ehemalig“, da ich seit über drei Jahren aus dieser Freikirche ausgestiegen bin. Ich bin damals durch den Missbrauch in eine schwere Depression gestürzt, aber habe mich mit letzter Kraft selbstermächtigt und bin ausgestiegen, um mich zu retten. Heute darf ich nach vielen Jahren der Dekonstruktion und Heilung mein Leben endlich wieder genießen und meinen Glauben gestalten, wie ich es möchte.
Mittlerweile bin ich öffentlich als feministische und christliche Content Creatorin tätig und leiste Aufklärungsarbeit, um Menschen zu helfen, aus solch toxischen Strukturen und Glaubenskonstrukten herauszukommen, in denen ich selbst elf Jahre innerlich gefangen war.
Auf die Fragen von damals sowie auf die vielen weiteren, die in den vergangenen Jahren im Zuge meiner Dekonstruktion aufgeploppt sind, habe ich nicht immer eine klare Antwort gefunden. Aber ich bin heute im Frieden mit mir selbst, dass ich nicht immer klare Antworten haben muss oder gar haben kann. Mir ist es lieber, keine Antwort zu haben, als eine dualistische Antwort, die Nuancen ignoriert und damit Menschen Unrecht tut.
Daniela-Marlin Jakobi
Mediengestalterin & Content Creatorin
Social Media @danielamarlinjakobi
zett zum Online lesen: zett.ejb.de
Die zett erscheint viermal im Jahr und richtet sich an Haupt- und Ehrenamtliche in der evangelischen Jugendarbeit. Die nächste Ausgabe erscheint im Oktober 2025 und widmet sich dem Thema EJB-Prozess – einem partizipativen Zukunftsprozess im Jugendverband.
Pressemeldung zum Erscheinen der zett Juli 2025
Fotos oben: W. Noack
Porträt unten: Johanna Degenstein